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Arme Familien gut beraten

Arme Familien gut beraten

bke-Stellungnahme

Der Ausgrenzung armer Bevölkerungsgruppen soll vorgebeugt, ihre Teilhabe am Erwerbsleben gefördert werden - dies sind zentrale Ziele des Nationalen Aktionsplans zur Armutsbekämpfung der Bundesregierung. Niedrigschwellige und präventiv orientierte Beratung kann insbesondere in Hinblick auf Kinder und Jugendliche dazu beitragen, Armutskarrieren zu verhindern und gesellschaftliche Integration zu fördern. Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) hat deshalb in einem aus dem Nationalen Aktionsplan geförderten Projekt untersucht, wie Arme in der Klientel von Erziehungsberatungsstellen repräsentiert sind und welche Handlungsstrategien Beratungsstellen entwickelt haben. Diese Ergebnisse wurden allen Erziehungsberatungsstellen zur Verfügung gestellt. Die folgenden Hinweise sollen die Wahrnehmung von Armutskonstellationen schärfen und dazu anregen, beraterisch-konzeptionelle Antworten zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Gesichter der Armut

Armut hat viele Gesichter, deren Wahrnehmung zudem durch den Blickwinkel des Betrachters geprägt ist. So fällt es aus globaler Perspektive schwer, in Deutschland Armut zu entdecken. Die nach unseren Maßstäben unter Armutsbedingungen lebenden Bevölkerungsgruppen erscheinen im Vergleich zu den Bewohnern der meisten afrikanischen und auch mancher europäischer Staaten als privilegiert. Was also ist der angemessene Kontext? Im aktuellen Diskussionszusammenhang hat sich der Begriff relative Armut etabliert. Er bezieht sich auf Menschen, "die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist" (Rat der EU, 1984). Armut wird so auf einen nationalen Kontext bezogen, relative Armut korrespondiert mit relativer Gerechtigkeit.

Armut wird häufig mit generationenübergreifender Armutssozialisation und einer daraus resultierenden Kultur, die sich deutlich von der der Mittelschicht unterscheidet, assoziiert. Dieses Bild beschreibt nur einen Teil der Armutspopulation. Nicht gesehen werden dabei die Angehörigen etablierter gesellschaftlicher Gruppen, die durch soziale Abstiegsprozesse innerhalb kurzer Zeit materiell arm geworden sind. Insbesondere Arbeitsplatzverlust, Scheidung und Überschuldung können zu einem schnellen Abstieg in die Armut führen. Es ist damit zu rechnen, dass (auch als unmittelbare Folge der sog. Hartz IV-Gesetze) solche Entwicklungen in Zukunft zunehmen. Armut kann durch Migrationserfahrungen geprägt sein. Doch gilt es auch hier zu differenzieren: Armut im Migrationskontext kann sowohl "Aufstieg" von absoluter Armut zu relativer Armut als auch Abstieg aus gesicherten gesellschaftlichen Positionen im Herkunftsland in die Arbeitslosigkeit im Aufnahmeland bedeuten.

Und schließlich darf nicht übersehen werden, dass es auch in Deutschland absolute Armut gibt, wenn kein Anspruch auf staatliche Transferleistungen besteht oder solche nicht in Anspruch genommen werden. Alte Menschen, die aus Scham keine bedarfsorientierte Grundsicherung (früher: Sozialhilfe) beantragen, Wohnungslose, illegale Flüchtlinge und Straßenkinder leben am Rande unserer Gesellschaft und werden häufig nur wahrgenommen, wenn sie durch störendes Verhalten auffallen. Gesichter der Armut sind also vielfältig, können sowohl durch generationenübergreifende Armutssozialisation als auch durch schnelle soziale Abstiege, können durch Migration und Marginalisierung geprägt sein. Diese Differenzierungen bilden den notwendigen Bezugsrahmen für Überlegungen zu den Auswirkungen der Armut auf Kinder und zu beraterischen Konzeptionen.

Folgen für die Kinder

7,2 Prozent der Kinder in Deutschland beziehen Sozialhilfe, dieser Anteil ist ungefähr doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung (Stand 2003). Trotzdem greift die These vom Armutsrisiko Kind zu kurz. Vielmehr gibt es bestimmte Lebenslagen (z.B. Scheidung, Migration), die mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu Armut führen oder mit ihr zusammenhängen. Familien mit Kindern befinden sich überproportional häufig in solchen Lebenslagen und haben dadurch ein erhöhtes Armutsrisiko.

Wenn Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben, sind sie in ihrer sozialen Teilhabe eingeschränkt. Auch wenn sie keine direkte Ausgrenzung erfahren, sind sie von Freizeitaktivitäten in der Gleichaltrigengruppe oft aus finanziellen Gründen ausgeschlossen. Das Leben in beengten Wohnverhältnissen bietet zudem wenig Spielmöglichkeiten, was zu Einschränkungen beim Einladen von Freunden und manchmal auch zu schambesetztem sozialen Rückzug führt.

Beengte Wohnverhältnisse tragen auch dazu bei, dass anhaltende Armutslagen zu Bildungseinschränkungen und daraus resultierenden Armutskreisläufen führen. Wer aus armen Verhältnissen stammt, erreicht häufig keine oder nur einfache Schulabschlüsse, was zu weiterer Benachteiligung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt führt.

Auch bezüglich der psychischen und gesundheitlichen Folgen macht es einen Unterschied, wie es zu der Armutslage kommt und wie lange sie anhält; ob Kinder unter Armutsbedingungen aufwachsen oder ob sie mit einem plötzlichen sozialen Abstieg konfrontiert sind. Die Veränderung des familiären Gefüges in Folge von Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeiten im Umgang mit den knappen Ressourcen führen zu familiären Konfliktlagen und emotionalen Belastungen, die bewältigt werden müssen. Bei dauerhafter Armut besteht die Gefahr, dass sich Perspektivlosigkeit und Resignation verfestigen oder sich aggressive Potenziale entladen.

Wie sich Armut letztlich auf Kinder auswirkt, hängt stark davon ab, wie ihre Mütter und Väter mit der Situation umgehen und wie es ihnen gelingt, ihre Kinder als "Armutsmoderatoren" zu begleiten. Hier kann Beratung helfen. Doch inwieweit wird diese Klientel von Erziehungsberatung erreicht?

Arme in der Erziehungsberatung

Weder Arbeitslosigkeit noch Sozialhilfebezug werden von der Bundesjugendhilfestatistik erfasst, Beratungsstellen sind daher auf eigene Erhebungen angewiesen. Die darauf zielende Befragung der bke (2001) hat ergeben, dass in 15,4 Prozent der beendeten Fälle ein Elternteil arbeitslos war (Gesamtbevölkerung 10,3%) und bei 12,2 Prozent der beendeten Fälle ein Kind Sozialhilfe bezogen hat (Gesamtbevölkerung 6,5%).

Diese überraschend hohe Repräsentanz hängt damit zusammen, dass Alleinerziehende, die ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko haben, in Erziehungsberatungsstellen stark überproportional vertreten sind. Zudem ist die Armut längst in die sogenannten Normalfamilien eingebrochen, während das gängige Armutsbild noch durch das Stereotyp generationenübergreifender Armutssozialisation geprägt ist.

Beratungsstellen, die neben der Bundesjugendhilfestatistik gesondert Armutsvariablen erheben, setzen sich vermutlich intensiver mit dieser Thematik auseinander als andere. Dies kann zwar einerseits bedeuten, dass bei anderen Erziehungsberatungsstellen der Anteil der Armen im Klientel geringer ist. Andererseits wird daraus deutlich, dass Erziehungsberatungsstellen mit zielgruppenbezogenen Konzepten Arme gut erreichen können.

Hierzu sind allerdings Entscheidungen erforderlich. Dies ist zunächst die Entscheidung, Arme wahrzunehmen, denn sie sind schon da, ohne dass sie ins Auge springen. Richtet man den Blick auf sie, gibt es eigentlich keine Entscheidungsalternative mehr, denn nach den Regeln fachlichen Könnens ist es unerlässlich, diese Lebenslage und ihre Folgen im Beratungsprozess zu thematisieren.

Entscheidungen sind allerdings gefragt, wenn es um konzeptionell verankerte Angebote für spezifische Armutszielgruppen geht. Hierbei geht es um Prioritäten, denn Kapazitäten, die besonders Benachteiligten gezielt zur Verfügung gestellt, fehlen anderswo - wenn es nicht gelingt, zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen.

Armut: Beratungsthema und Anlass zusätzlicher Aktivitäten
Erziehungsberatung richtet sich mit unterschiedlichen Angeboten an Familien in schwierigen Lebenslagen und Umbruchsituationen. Sie stärkt Eltern in deren Funktion, als "Armutsmoderatoren" Kinder bei der Auseinandersetzung mit ihrer Situation zu unterstützen. Ebenso leistet Erziehungsberatung unmittelbar kindbezogene Hilfe zur aktiven Problembewältigung. Um Armutskreisläufe zu verhindern oder zu unterbrechen sind Maßnahmen zur Sicherung des Schulerfolgs besonders bedeutsam.

Anforderungen an Berater
Wer arm ist, hat häufig herablassende Behandlung erfahren und schämt sich seiner Lebenslage. Es ist gut, sich diesen Kontext zu Beginn der Beratung bewusst zu machen und durch Respekt vor der anderen Lebenslage zu kontrastieren. Hier geht es um die Fähigkeit zum Umgang mit Unterschieden und insbesondere um die Passung zwischen Beratungskommunikation und Kommunikationsstil der Ratsuchenden. So kann ein abwartender Beratungsstil als zögerlich erlebt werden, anderseits kann ein zu aktives Beraterverhalten invasiv wirken.

Armut schränkt den durch Beratung beeinflussbaren Veränderungsspielraum deutlich ein. Das macht es nötig, realistische Beratungsziele zu entwickeln und sich von Entmutigung und Hilflosigkeit nicht anstecken zu lassen. Frustrierter Rückzug ist ebenso wenig hilfreich wie Aktionismus. Vielmehr kommt es darauf an, Veränderung in kleinen Schritten zu erarbeiten, die verstärkend wirken und Hoffnung wecken.

In vielen Situationen ist es hilfreich, wenn Familien die Fähigkeit entwickeln, sich nach außen zu öffnen, denn der Erschließung von Ressourcen aus dem sozialen Netzwerk kommt gerade in Armutslagen besondere Bedeutung zu. Hierzu sollte der Berater spezifische Sozialräume und ihre Ressourcen kennen oder in der Lage sein, sich valide Informationen schnell zu beschaffen.

Anforderungen an das Setting
Erziehungsberatung deckt nur einen kleinen Teil der Gesamtproblematik armer Familien ab. Deshalb ist es sinnvoll, Beratung zur Existenzsicherung und zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt in die eigene Arbeit zu integrieren oder Schnittstellen zu entwickeln, die einen guten Übergang ermöglichen.

Erziehungsberatungsstellen haben häufig ein Anmelde- und Terminvergabeverfahren, das stark auf Eigeninitiative, Verbindlichkeit und Kontinuität zugeschnitten ist. Arbeitslosigkeit und Armut können dagegen zu einer Entstrukturierung des Zeitmanagements und zu schwankenden Motivationslagen von Familien führen. Hier können zugehende und nachgehende Beratungsstrategien hilfreich sein. Ebenso kann es nötig sein, die Beratungsfrequenz zu variieren. Wenn kontinuierliche Beratungsverläufe nicht erreichbar sind, kann es Sinn machen, sich auf kurzfristige Intensivberatung und langfristige niederfrequente Begleitung einzulassen.

Offene Sprechstunden können niedrigschwellige Zugänge eröffnen, insbesondere wenn sie im Lebensumfeld der Familien (z.B. Kindertagestätten, Bürgerhäuser) verortet werden. Anderseits können durch die tendenzielle Aufhebung der Anonymität neue Zugangsbarrieren entstehen. Gleiches gilt für die Wahl des Standorts der Beratungsstelle.

Besondere Aktivitäten

Einzelfallübergreifende, präventiv ausgerichtete Angebote können Menschen erreichen, die die Anmeldung in einer Erziehungsberatungsstelle scheuen oder denen das Beratungsangebot nicht bekannt ist. Hierbei ist es besonders wichtig, bildungsferne Gruppen zu erreichen, um Benachteiligung durch früh einsetzende niedrigschwellige Hilfen aufzufangen.

Neben im Neugeborenenalter einsetzenden Trainings zur Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion gibt es eine Vielzahl von Programmen zur Erhöhung der elterlichen Erziehungskompetenz. Solche methodischen Zugänge können von Erziehungsberatungsstellen aufgegriffen und zielgruppen- oder sozialraumbezogen eingesetzt werden.

Weitergehende Beratungskonzepte setzen darauf, dass Fachkräfte der Erziehungsberatungsstelle auch außerhalb des Beratungskontextes im Gemeinwesen präsent sind. Das setzt einen guten Verbund mit anderen Einrichtungen voraus, um gemeinsame Angebote zu entwickeln. Es beinhaltet aber auch die Unterstützung der Bürger bei ihrem Einsatz für die Belange des Gemeinwesens im sozialen und politischen Feld. Solches selbstorganisiertes Handeln ermöglicht die Erfahrung von Solidarität und Selbstwirksamkeit; ist Empowerment sowohl im sozialen wie auch im individuellen Sinne.

Wir können uns Kinderarmut nicht leisten
hat sowohl im Kontext der alltäglichen Beratungsarbeit als auch durch zusätzliche Aktivitäten vielfältige Möglichkeiten, Kinder und ihre Familien bei der Bewältigung von Armutsfolgen zu unterstützen und Armutskreisläufe zu verhindern. Deshalb ist es nötig, diese Beratungsangebote zu erhalten, bedarfsgerecht auszubauen und innovative Modelle zu fördern.

Aber Armut kann durch Beratung nicht behoben werden. Es ist eine politische Aufgabe, Kinder vor Armut zu schützen, denn sie haben ein Recht auf Aufwachsen unter förderlichen Entwicklungsbedingungen. Dies ist nicht nur ethisch geboten, es ist auch wirtschaftlich erforderlich, denn angesichts des Geburtenrückgangs kann es sich Deutschland nicht leisten, ganze Gruppen der nachwachsenden Generation von Bildung und sozialer Teilhabe auszuschließen.

Fürth, 2. September 2004


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